Initiative Jachad

Flüchtling forever?

Letters from Rungholt

Lila erzählt von ihrem Leben im äußersten Norden Israels.

Palästinensischer Flüchtling gewinntTalentshow

so titelt der SPon. Flüchtling? Ja wann ist er denn geflohen, von wo nach wo?

Seine Geschichte ging vielen Menschen nah, weil sie sich wie ein modernes Märchen ausnimmt: Assafs Großeltern waren im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 aus Ortschaften im Süden des sich neu bildenden Staates geflohen. Die Eltern ließen sich zwischenzeitlich in Libyen nieder, wo der Junge 1990 in Misrati geboren wurde.

Als Assaf vier Jahre alt war, siedelte die Familie nach Chan Junis im Süden des Gaza-Streifens um, wo er in einem armseligen Flüchtlingslager aufwuchs.

Das also ist ein modernes Märchen – in der Tat. Warum noch einmal wurde 1948 ein Krieg ausgetragen? Ach ja, die arabischen Staaten hatten Israel angegriffen. Wo war Mohammed Assaf damals? Ach so, er wurde 1990 geboren. Also seine Eltern sind 1948 geflohen? Wie alt mögen sie gewesen sein, als sie “aus Ortschaften im Süden des sich neu bildenden Staates” fliehen mußten? Immerhin liegen zwischen 1948 und Mohammeds Geburt 42 Jahre.

Die Mutter sieht auf dem Bild deutlich jünger aus als 65, nicht wahr? Ist es vielleicht möglich, daß Mohammeds Großeltern die Flüchtlinge waren? Und Mohammed einfach das Privileg der Palästinenser nutzt, nämlich für alle Ewigkeiten per definitionem Flüchtling zu sein?

Nun ja, automatisch scheint sich überhaupt alles nur um ein Thema zu drehen.

Denn auch wenn die Show eine Unterhaltungssendung ist, ließen sich die Konflikte in der Region nie ausblenden.

Merkwürdig – wenn der Konflikt in Produkten der israelischen populären Kultur auftaucht, dann sehr oft als Friedensbotschaft – ich verweise zB auf meinen Beitrag zu Kriegs- und Friedensliedern. So etwas scheint in der arabischen Welt eher wenig en vogue zu sein. Ich habe die Show zwar nicht geguckt, aber es gab in Israel eine Talentshow namens The Voice, wo das israelische Publikum seine eigene Botschaft dadurch sandte, daß es eine arabische Teilnehmerin zur Siegerin wählte. Doch zurück zu Arab Idol.

“Arab Idol hat uns mehr gegeben als jeder Politiker”, sagte Finalist Ahmed Gamal aus Ägypten. “Das könnte eine wichtige Botschaft sein.”

Dann sehen wir uns den Text des Lieds doch einmal an, den der SPon diskreterweise unerwähnt läßt.

“My country Palestine is beautiful
Turn to Safed and then to Tiberias,
And send regards to the sea of Acre and Haifa
Don’t forget Nazareth – the Arab fortress,
And tell Beit Shean about its people’s return
By Allah, oh traveling [bird], I burn with envy
My country Palestine is beautiful.”

Hoppla – Safed, Tiberias, Nazareth, Bet Shean, Akko, Haifa… das ist ja die reinste Rundreise durch Israel.

Assaf selbst widmete seinen Erfolg “dem palästinensischen Volk, das seit über 60 Jahren unter Besatzung leidet”.

Seit über 60 Jahren? Aha, also nicht etwa seit dem Sechstagekrieg 1967, sondern seit der Gründung des Staats Israel. Danke, Mohammed, daß du das noch einmal klargestellt hast. Nicht etwa die Besatzung stört ihn, sondern die Existenz des Staats Israel.

Stört sich jemand daran? Nein, der SPon findet das ganz normal.

Für die Palästinenser, die unter dem Konflikt mit Israel und dem Streit untereinander leiden, ist der Triumph des 23-Jährigen ein Zeichen der Hoffnung und der nationalen Einheit.

Hoffnung worauf? Auf die immer wieder gern beschworene Zweistaatenlösung? Wohl kaum. Wenn der Staat Palästina Tiberias und Akko umfaßt, ist kein Platz mehr für Israel. Kein einziges kritisches Wort dazu, daß diese wunderschöne Vision eines Nahen Ostens ohne Israels von Tausenden und Abertausenden Arabern frenetisch beklatscht, von UNRWA-Chef Filippo Grandi gerühmt wird? Nein. Das stört doch keinen großen Geist, wie Karlsson vom Dach sagen würde. Schließlich wissen wir doch alle ganz genau, wer den Frieden im Nahen Osten verhindert, die Kriege vom Zaun bricht und die meisten Toten auf dem Gewissen hat…

Fällt es einer anderen deutschen Zeitung auf? Gucken wir doch mal nach.

Die Süddeutsche:

Er ist 23 Jahre alt, kommt aus einem Flüchtlingslager in Gaza und gilt als Tom Cruise des Nahen Ostens. Mohammed Assaf hat die Castingshow “Arab Idol” gewonnen. Er widmete seinen Erfolg “dem palästinensischen Volk, das seit mehr als sechzig Jahren unter Besatzung leidet”.

Die sechzig Jahre bleiben unkommentiert.

Die Tagesschau:

Die Palästinenser sind das Bild leid, das die Welt und die eigene politische Führung von ihnen zeichnet.

Womit genau hat Mohammed Assaf dieses Bild korrigiert? Mit seiner gesungenen Phantasie über die Vernichtung oder sagen wir höflicher Nicht-Existenz des Staats Israel?

n-tv:

Mohammed Assaf gibt der gespaltenen palästinensischen Nation eine Stimme.

In der Tat. Solange es gegen Israel gibt, ist die “palästinensische Nation” nicht gespalten.

Yahoo-Nachrichten:

Als “Arab Idol” bekommt Assaf nun einen Sportwagen und einen Plattenvertrag. Noch bedeutender ist die symbolische Belohnung: Mit seinem Erfolg hat Assaf seiner geografisch und politisch gespaltenen Nation eine gemeinsame Stimme verliehen.

Ich würde das Wort “gemeinsam” hier streichen, kommt mir überflüssig vor.

Und auch die FAZ baut einfach einen Text aus Agentur-Bausteinen zusammen, die man aus allen anderen Quellen kennt.

Zehntausende Menschen feierten in der Nacht zum Sonntag in der Enklave am Mittelmeer und auch im Westjordanland, Israel sowie in der Diaspora den Erfolg ihres Stars bei der wichtigsten Castingshow der arabischen Welt. Für die Palästinenser, die unter dem Konflikt mit Israel und dem Streit untereinander leiden, ist Assafs Sieg ein Zeichen der Hoffnung und der nationalen Einheit. „Dies ist ein friedlicher Sieg für die Palästinenser“, freute sich eine Frau in Gaza-Stadt.

Inge Günther in der Frankfurter Rundschau kann sich vor Begeisterung kaum halten und schreibt ihren Text selbst, immerhin.

Die Menge badet in der Vorfreude. Wie steigerungsfähig diese Stimmung noch ist, zeigt sich kurz vor Mitternacht. Ungeheurer Jubel bricht aus, als der Sieg ihres Idols verkündet wird. Ganz Palästina scheint in einen kollektiven Begeisterungstaumel zu fallen. Feuerwerkskörper krachen, Nationalfahnen werden geschwenkt, es wird getanzt, gesungen, gejohlt.

Uns´ Inge immer mittenmang.

Doch seine Wirkung geht über Schwärmerei weit hinaus. „Assaf hat eine Botschaft, die die Leute einander näher bringt“, sagt Hiams Vater, Ashad Hamideh, der mit seiner Familie in Kalifornien lebt, aber den Sommer über die Verwandten in Ramallah besucht. „Er präsentiert sich bei seinen Auftritten als Sohn Palästinas. Damit können wir uns alle identifizieren, in Gaza, der Westbank und im Exil.“ Assaf scheint etwas geglückt zu sein, woran die Politiker gescheitert sind: Das Volk sieht in ihm ein Symbol der lang vermissten palästinensischen Einheit.

Wow. Sie hat sein Poster bestimmt über dem Bett hängen. Aber wann hätte man von Inge Günther kritische Berichterstattung über die Palästinenser erwartet? Mal eine Nachfrage, weitergehende Informationen? Schwärmen kann sie. Den Text mal auf seinen Inhalt untersuchen – Fehlanzeige. So viel zu ihrem Journalisten-Ethos.

Kurz; die lieben deutschen Medien, die in jedem israelischen Gartenhäuschen ein Friedenshindernis ausmachen, finden an Mohammed Assafs Song nichts auszusetzen, sondern stimmen in den palästinensischen Jubel mit ein.

Aber keine Sorge – Ihr werdet fair, objektiv und kritisch informiert!

(Wesentlich gründlicher als ich hat sich Petra Marquardt zum Thema schlau gemacht.)



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